„Der gegen den Strich bürstet. Vom Provokateur zum Patriarchen des Regietheaters: Peter Zadek wird achtzig“. Rheinischer Merkur, 19. Mai 2006

Veröffentlicht von Thomas am

VON WERNER SCHULZE-REIMPELL

Am Ende der fünfziger Jahre hatten ihm englische Freunde geraten, nach Deutschland zu gehen, wo er schnell zum lange Jahre umstrittensten und polarisierendsten Bühnenregisseur avancierte. Vor allem seine Sicht auf Shakespeare und sein frech-fröhlicher Umgang mit dessen Stücken empörte Traditionalisten und Shakespeareaner. Nach der „Othello“-Inszenierung 1976 im Hamburger Schauspielhaus brüllte und buhte das Publikum mehr als eine halbe Stunde. Peter Zadek galt als Provokateur um der Provokation willen, als Theaterzerstörer, der die Zuschauer vertreibt, der ihnen gleichsam den Boden vertrauter Sehgewohnheiten wegzieht. Kein Regisseur hat das Theater in den letzten fünfzig Jahren so aufgewühlt, aber auch so verändert wie Zadek. 

Seine Übersiedlung nach Deutschland war eine Rückkehr in ein ihm völlig unbekanntes Land. Er wurde am19. Mai 1926 in Berlin als Sohn eines Textilkaufmanns geboren. Als Zadek sieben Jahre alt war, emigrierten die Eltern nach England, wohin der Vater intensive Geschäftsbeziehungen hatte. Sohn Peter studierte Ende des Krieges Deutsch und Französisch in Oxford, wo er das Theater für sich entdeckte. Er wechselte an die neu eröffnete Regisseursschule des Old Vic Theatre und kam dort überhaupt nicht zurecht. Also begann er, wo auch immer mit arbeitslosen Schauspielern und Amateuren zu inszenieren – als erstes Stück Oscar Wildes „Salome“. Schließlich arbeitete er ein Jahr lang in Swansea/Wales mit der Verpflichtung, in jeder Woche ein Stück zur Premiere zu bringen (mittlerweile verlangt Zadek vier bis fünf Monate Probenzeit). Seinen Durchbruch hatte er 1957 mit der Uraufführung von Jean Genets „Der Balkon“ in London – der Autor distanzierte sich allerdings vehement von Zadeks Inszenierung.

Die deutschen Bühnen fand Zadek in einem Spätexpressionismus ohne Wirklichkeitsbezug festgefahren, die Schauspieler zu weihevollen Rezitatoren der Texte abgerichtet. Humor, Witz, Entertainment – Fehlanzeige. Bei Kurt Hübner, 1960 in Ulm, ab 1982 in Bremen, begann Zadek kompromisslos, das bildungsbürgerliche Theaterverständnis infrage zu stellen, Stücke auch einmal gegen den Strich zu bürsten und nicht zuletzt den Schauspielern große Freiheit zur Entwicklung eigener Phantasie zu geben. Der hauptsächlich von ihm, Peter Palitzsch, Klaus Michael Grüber und Wilfried Minks geprägte „Bremer Stil“ war die wichtigste Zäsur der neueren Theatergeschichte.

Als Intendant des Bochumer Schauspielhauses seit 1972 erfand er das Stadttheater tatsächlich fast neu, spielte in Fabrikhallen und experimentierte mit anderen Formen der Theaterwerbung. Tankred Dorst fungierte als Hausautor, Zadeks Inszenierungen von „Der Kaufmann von Venedig“, „König Lear“ und „Hamlet“ machten Skandal und überregional Furore. Aber Kontakt zu den Menschen im Revier fand er nicht, und nach einigen Jahren langweilte er sich auf dem Intendantenstuhl. Trotzdem wurde er rückfällig und übernahm 1985 die Leitung des Deutschen Schauspielhauses Hamburg, in dem er „populäres Theater“ für ein Publikum, das „viel oder überhaupt nicht ins Theater geht“ versprach. Aber auch dort fühlte er sich bald nicht wohl trotz des enormen Erfolges seiner Inszenierung der Urfassung von Wedekinds „Lulu“. Und doch ließ er sich 1993 bewegen, in das Vierer-Direktorium am Berliner Ensemble einzutreten, dem er nach kurzer Zeit wieder den Rücken kehrte. Als Regisseur war er dort so schwach wie selten – vielleicht weil ihm „seine“ Schauspieler fehlten.

Denn das ist nicht zuletzt das Geheimnis seines Erfolges. Zadek gelang es sehr früh, Darsteller an sich zu binden, deren Phantasie sich ideal mit seiner verband. Das waren immer wieder Ulrich Wildgruber („Er war mein Alter Ego. Er hat all die Dinge gemacht, die ich mich im Leben nie trauen würde zu machen“), Hermann Lause, Gert Voss und seit 1987 Uwe Bohm, anfangs Hannelore Hoger, Rosel Zech und Ilse Ritter, seit 1990 Angela Winkler und immer wieder Eva Mattes.

Mit ihnen zieht er seit Jahren von Theater zu Theater, eingebettet in ein Netz von Kooperationspartnern. Zum Zentrum seiner Arbeit wurde zuletzt mehr und mehr das Burgtheater, wo er Shakespeare, Tennessee Williams und grandios Tschechow inszenierte. Vor kurzem hat Zadek, der seit Jahren in Lucca in der Toskana lebt, mit dem früheren Intendanten des Hamburger Schauspielhauses, Tom Stromberg, die Produktionsfirma „My Way“ gegründet. In einem wunderbar restaurierten, hochherrschaftlichen Gutshaus von 1823 nahe Pritzwalk/Brandenburg will Zadek in jedem Jahr ein Shakespeare-Stück inszenieren – mutiges Projekt des nun achtzigjährigen Patriarchen, der gnadenlos jung geblieben ist.

Rheinischer Merkur, 18.05.2006

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